Europäische Stiftung

Aachener Dom

Literatur zur Nacht: Prominenter Gast nimmt Publikum mit in die Gefühlsturbulenzen

Von Sabine Rother

Der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink im Aachener Dom – ein Ereignis, das die Menschen bewegt. Bereits einen Stunde vor Beginn gibt es keine Plätze mehr, wird sogar der Chorraum geöffnet, damit niemand abgewiesen werden muss. Der 81-Jährige gehört zu den prominentesten Gästen der Europäischen Stiftung Aachener Dom in ihrer Reihe „Literatur zur Nacht“, wie der Stiftungsratsvorsitzende und Ex-Oberbürgermeister Jürgen Linden zur Begrüßung betont. Zuvor gibt es noch ein Gruppenfoto am Karlsschrein gemeinsam mit Thomas Thelen, Chefredakteur der Aachener Zeitung und Moderator des Abends.

Schlink, Autor von erfolgreichen Romanen wie „Der Vorleser“ (1995) oder „Die Heimkehr“ (2006), staunt, die Atmosphäre des Doms beeindruckt ihn sichtlich. Applaus rauscht auf, als er groß, schlank, im langen schwarzen Mantel seinen Platz in der ersten Reihe erreicht, bevor er zu Podium und Stehpult wechselt. Es gibt Musik, die zum Abend passt, das Ensemble „Son d’Aix“ hat Wolfgang Amadeus Mozarts Streichquartett Nr. 19 c-Moll KV 465 mitgebracht, das den Zusatztitel „Dissonanzen“ trägt – ein Hinweis auf den Gehalt des Abends, in dessen Mittelpunkt Schlinks Präsentation seines Romans „Die Enkelin“ (2021) im Rahmen einer schmerzlichen Geschichte der Enthüllungen um die Ost-West-Problematik steht. Es geht um die Menschen, für die der Mauerfall im November 1989 die ersehnte Grenzöffnung, aber auch Verlust von Heimat bedeutet hat – und um ein Heute, um rechtsradikale Kräfte in der ehemaligen DDR, wie Protagonist „Kaspar“, ein Buchhändler, erkennen muss.

Musik und Literatur – tröstliche Elemente im Leben Schlinks

„Es ist eine Ehre für uns, dass Bernhard Schlink bei uns den Roman und dessen Bedeutung vorstellt“, betont Linden, der darüber hinaus an den Auftrag der Stiftung denkt, den Dom im europäischen Kontext ins Gespräch zu bringen, dabei tagespolitische Aspekte nicht außer Acht zu lassen. Hierzu hat Thelen, Journalist und Literaturkenner, ein Gespräch vorbereitet, das Schlink seinen Lesern sogar persönlich etwas näherbringt. Musik und Literatur – tröstliche Elemente im Leben Schlinks. Das klingt sogar aus seinen Werken.

Im Roman „Die Enkelin“ wird die Geschichte von Kaspar und Birgit erzählt. Der Buchhändler lernt seine Frau bei einem Jugendtreffen in der damaligen DDR kennen und lieben. Durch ihn schafft sie die Flucht, den Wechsel in den Westen. Doch sie wird mit dem, was sie verschweigt, nicht fertig, trinkt, stirbt in der Badewanne – Unfall oder nicht? Kaspar trauert, forscht und entdeckt ein zweites Leben, das, was ihm Birgit verschwiegen hat aus Angst, den ersehnten Neustart im Westen zu verderben. Da ist eine Tochter, findet Kaspar eine Enkelin, Sigurd – im rechtsradikalen Milieu völkischer Siedler.

Präzise hat Schlink Textstellen ausgewählt, zaubert mit wenigen Worten Atmosphäre, nimmt sein bewegtes Publikum mit in die Gefühlsturbulenzen. „Ich gehörte nie dazu“, ein Kernsatz seiner Birgit, der erschüttert.

Wichtiger Beitrag zur Gesprächskultur

Ist das denn wirklich so? Ist die deutsche Einheit gescheitert? Thelens Frage trifft den Nerv einer schwierigen Annäherung, von der Schlink sagt: „Wir brauchen noch zwei bis drei Generationen, wir haben uns das viel einfacher vorgestellt. Einheit sollte sich auf allen Ebenen auswirken.“ Mit Blick auf die Welt, auf Russland, China, ein Amerika unter Donald Trump, ist er besorgt, den Rechtsruck, der im Roman „Die Enkelin“ beobachtet wird, sei Realität. Europa? „Es gibt keine Alternative“, meint er zurückhaltend.

Mit viel Applaus und einem Dank von Gastgeber Dompropst Rolf-Peter Cremer, der den Abend als wichtigen Beitrag zur Gesprächskultur einordnet, endet der erste Besuch des Autors im Dom – beeindruckt vom mittelalterlichen Bauwerk, aber auch vom großen Interesse der Menschen, die gerne seine Signatur mit nach Hause nehmen.

Fotos: Andreas Steindl

 

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