Europäische Stiftung

Aachener Dom

Elmar Theveßen über eine Weltordnung im Umbruch

Rund 600 Zuhörerinnen und Zuhörer füllten am Freitagabend den Aachener Dom bis in die Chorhalle hinein. Das große Interesse zeigte, wie sehr das Thema bewegt: die Zukunft der westlichen Wertegemeinschaft und das Verhältnis zu den USA. Mit Elmar Theveßen, dem Leiter des ZDF-Studios in Washington, hatte die Europäische Stiftung Aachener Dom (ESAD) einen ausgewiesenen Kenner eingeladen.

Zu Beginn betonte Stiftungsratsvorsitzender Dr. Jürgen Linden die besondere Aktualität des Abends. Über Jahrzehnte habe ein enges Bündnis zwischen Europa und den USA bestanden – getragen von gemeinsamen Werten und einer ähnlichen Lebensphilosophie. Doch zunehmend stelle sich die Frage: Trägt dieses Fundament noch? Und was bedeutet ein möglicher Bruch für Europa – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich?

Regeln, Institutionen und Bündnisse geraten unter Druck

Theveßen knüpfte zunächst persönlich an den Ort an. Der Aachener Dom sei für ihn ein Stück Heimat, ein Ort der Orientierung. Das Oktogon, das Streben nach Perfektion, die massiven Mauern – sie stünden für Halt und Verlässlichkeit. Was der Glaube im Religiösen leiste, erfüllten in der weltlichen Ordnung Regeln, Institutionen und Bündnisse. Genau diese gerieten jedoch zunehmend unter Druck.

Eine kurze Abstimmung im Publikum zeigte: Die große Mehrheit befürwortet weiterhin eine wertebasierte internationale Ordnung. Gleichzeitig verwies Theveßen auf eine gegenläufige Entwicklung: Laut einer IPSOS-Studie von 2023 wünschten sich 65 Prozent der Menschen weltweit einen starken Anführer, selbst wenn dieser Regeln breche. Diese Sehnsucht nach Autorität spiegele sich besonders deutlich in der politischen Entwicklung der USA.

„Systemsprenger“ bricht mit politischen Normen

Donald Trump, so Theveßen, verstehe sich selbst als „Systemsprenger“. Mit einer Vielzahl von Dekreten habe er staatliche Strukturen tiefgreifend verändert, Notstände ausgerufen und politische Prozesse umgangen. Maßnahmen in der Migrationspolitik, die Aussetzung rechtsstaatlicher Prinzipien und eine harte Abschiebepraxis seien Ausdruck eines Politikstils, der gezielt mit bisherigen Normen breche. Gleichzeitig werde das System der „checks and balances“ geschwächt – auch, weil Kontrollinstanzen unter politischen Druck gerieten.

Hinzu komme eine ideologische Verschiebung: Politische Gegner würden delegitimiert, abweichende Meinungen zunehmend als Bedrohung eingeordnet. Außenpolitisch zeige sich ein stärker national ausgerichtetes Denken, verbunden mit wirtschaftlichem Protektionismus und geopolitischen Machtansprüchen – etwa im Umgang mit Grönland oder Lateinamerika.

Doch Theveßen widersprach der These, diese Politik führe zu einem „goldenen Zeitalter“. Wirtschaftliche Kennzahlen zeichneten ein anderes Bild: schwaches Wachstum, steigende Unzufriedenheit in der Bevölkerung und eine Entwicklung, von der vor allem Wohlhabende profitierten. Der Slogan „America first“ stehe zudem in einem Spannungsverhältnis zu globalen Ambitionen.

Versäumnisse und Chancen

Was bedeutet das für Europa? Theveßen sieht hier sowohl Versäumnisse als auch Chancen. Zu lange habe die EU zurückhaltend agiert, doch inzwischen beginne ein Umdenken. Europa verfüge über erhebliches wirtschaftliches Gewicht und könne – auch militärisch – stärker als eigenständiger Akteur auftreten. Entscheidend sei, die regelbasierte Ordnung aktiv zu verteidigen und zugleich neue Partnerschaften mit Ländern wie Kanada, Indien oder Südafrika zu stärken.

Am Ende griff Theveßen ein Zitat von Barack Obama aus dem Jahr 2016 auf: Die Welt brauche ein starkes Europa. Gerade hier liege eine zentrale Aufgabe: sich der eigenen Werte bewusst zu werden – Freiheit, Dialog, Menschlichkeit – und sie selbstbewusst zu vertreten. Europa habe aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs ein einzigartiges Modell von Demokratie und Marktwirtschaft geschaffen. Dieses Erbe gelte es zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Der Abend im Dom machte deutlich: Die internationale Ordnung befindet sich im Wandel. Doch er zeigte auch, dass Europa nicht nur Zuschauer ist, sondern Gestaltungskraft besitzt – wenn es den Mut findet, sie zu nutzen. In der anschließenden Diskussion vertieften Theveßen und Linden diese Gedanken in einem ebenso lebhaften wie pointierten Austausch. Das Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus für einen rundum gelungenen Abend.

Fotos: Domkapitel Aachen / Andreas Steindl

 

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