Europäische Stiftung

Aachener Dom

Elmar Nass über Chinas Machtanspruch und Europas Antwort

Mehr als 100 Besucherinnen und Besucher folgten der Einladung der Europäischen Stiftung Aachener Dom (ESAD) zu einem Vortragsabend mit dem Priester und Sozialethiker Elmar Nass. Moderiert wurde der Abend von David Grzeschik, Berliner Parlamentsredaktion der Rheinischen Post. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Europa auf den wachsenden globalen Einfluss Chinas reagieren sollte. Die Resonanz im Anschluss war durchweg positiv – viele Gäste würdigten die Klarheit und Tiefenschärfe der Analyse.

Autoritär-kollektivistischen Verständnis von Mensch und Gesellschaft
Nass, Professor für Christliche Sozialwissenschaften und gesellschaftlichen Dialog an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) und Autor mehrerer Bücher zur politischen Entwicklung Chinas, zeichnete das Bild eines selbstbewusst auftretenden Staates. China verfolge das Ziel, die internationale Ordnung im eigenen Sinne umzugestalten – getragen von einem autoritär-kollektivistischen Verständnis von Mensch und Gesellschaft sowie vom Leitmotiv nationaler Stärke. Grundlage sei ein ideologisches Fundament, das am sozialistischen Weg, an der Führungsrolle der Kommunistischen Partei und an marxistisch-leninistischen sowie maoistischen Traditionen festhalte.

Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt
Zugleich habe es die chinesische Führung verstanden, dieses Fundament strategisch zu erweitern: marktwirtschaftliche Dynamik, nationalistisches Denken und traditionelle Kultur würden gezielt integriert. Das Land habe in wenigen Jahrzehnten einen bemerkenswerten Aufstieg vom Entwicklungsland zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt vollzogen. Auch innenpolitische Instrumente wie das international kritisch betrachtete Sozialkreditsystem stießen innerhalb Chinas auf breite Akzeptanz.

Ideal der „versöhnten Freundschaft“ 
Vor diesem Hintergrund stellte Nass die Frage nach Europas Rolle im globalen Wettbewerb der Werte und Systeme. Der Westen stehe für individuelle Freiheitsrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Marktwirtschaft – geprägt durch Christentum, Aufklärung und Liberalismus.
Europa, so Nass, müsse sich in diesem Spannungsfeld klar zur Seite der Freiheit bekennen, um nicht zwischen machtpolitischen Interessen aufgerieben zu werden. Dabei versteht er Europa weniger geografisch als vielmehr als Wertegemeinschaft: als Zusammenschluss von Ländern, die sich einem Ideal der „versöhnten Freundschaft“ verpflichtet wissen.

Europäische Identität ist kein Selbstläufer
Dieser europäische Traum speise sich aus der eigenen Geschichte – auch aus deren Abgründen. Aus Erfahrungen von Krieg, Feindschaft, Kolonialismus und Vertreibung sei die Idee gewachsen, an die Stelle von Gegnerschaft ein dauerhaftes Bündnis von Vertrauen, Solidarität und Verlässlichkeit zu setzen. Dieses Verständnis grenze sich bewusst von ideologisch verordneten „Völkerfreundschaften“ ab und beruhe auf einem freiheitlichen, humanistischen Fundament. In dieser gemeinsamen Wertebasis liege die Kraft, äußeren Herausforderungen standzuhalten und zugleich Verantwortung für Frieden und internationale Solidarität zu übernehmen.

Allerdings, so betonte Nass, sei eine gefestigte europäische Identität kein Selbstläufer. Ein gemeinsames Bewusstsein und ein europäischer Patriotismus müssten weiter wachsen. Seine Antwort auf den zunehmenden Einfluss Chinas lautet daher: Europa braucht eine geeinte Vision, die Freiheit, Menschenwürde und Versöhnung ins Zentrum stellt.

Fotos: Alexander Müller
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