„Eine Welt im Umbruch“ – Wolfgang Ischinger eröffnet Vortrags-Trilogie
Mit einem eindringlichen Appell zu mehr europäischem Selbstbewusstsein hat Prof. Wolfgang Ischinger im Aachener Dom eine Vortrags-Trilogie im Vorfeld der Karlspreisverleihung eröffnet. Moderiert wurde der Abend von Dr. Jürgen Linden, Vorsitzender des Stiftungsrats der Europäischen Stiftung Aachener Dom (ESAD) und langjähriger Direktor der Internationalen Karlspreisstiftung.
In seiner Begrüßung betonte Linden die gemeinsame Verantwortung beider Stiftungen für die Stärkung europäischer Werte wie Freiheit und Demokratie. Die Welt befinde sich in einem tiefgreifenden Wandel: „Die alte Nachkriegsordnung existiert nicht mehr“, so Linden. Großmächte versuchten zunehmend, über wirtschaftliche und politische Strategien neue Einflusszonen zu definieren und damit auch westliche Lebensmodelle in Frage zu stellen. Vor diesem Hintergrund sei eine fundierte Einordnung durch erfahrene Beobachter wie Ischinger von besonderer Bedeutung.
Diagnose einer zunehmend instabilen Weltordnung
Ischinger, der auf eine jahrzehntelange diplomatische Karriere zurückblickt, zeichnete in seinem Vortrag das Bild einer Welt im fundamentalen Umbruch. Die internationale Ordnung werde zunehmend durch machtpolitische Interessen geprägt, während verlässliche Strukturen schwänden. Besonders deutlich werde dies im Vergleich zum Kalten Krieg: Während die damalige Sowjetunion als Status-quo-Macht agiert habe, strebe Russland unter Präsident Putin heute aktiv nach einer Verschiebung von Grenzen und Einflusszonen – eine Entwicklung, die Ischinger als deutlich gefährlicher einschätzt.
Auch die Rolle der USA habe sich grundlegend gewandelt. Zu Beginn seiner Laufbahn habe er die Vereinigten Staaten noch als „gutmütige Hegemonialmacht“ erlebt, die Europa etwa im Bosnienkrieg unterstützte. Heute hingegen seien die USA „vom Partner zum Kritiker, zum Gegner geworden“. Die globalen Machtverschiebungen seien „sehr real“ und im diplomatischen Alltag deutlich spürbar.
„450 Millionen Europäer stehen 350 Millionen Amerikanern gegenüber“
Europa stehe damit unter einem dreifachen Druck: durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, durch Chinas aggressive Wirtschaftspolitik und durch eine US-Strategie, die bilaterale Verhandlungen mit einzelnen europäischen Staaten bevorzuge. „Die USA verhandeln lieber mit 27 Zwergstaaten als mit der Europäischen Union“, so Ischinger. Umso wichtiger sei es, dass Europa seine Stärke erkenne: „450 Millionen Europäer stehen 350 Millionen Amerikanern gegenüber.“
Aus dieser Analyse leitete Ischinger konkrete Forderungen ab. Die Europäische Union müsse ihre Entscheidungsmechanismen reformieren und handlungsfähiger werden. Das Einstimmigkeitsprinzip sei dabei ein zentrales Hindernis; einzelne Staaten könnten gemeinsame Beschlüsse blockieren. Denkbar sei ein „Kerneuropa“ aus besonders integrationsbereiten Staaten sowie die Bereitschaft, nationale Vetorechte zugunsten gemeinsamer Handlungsfähigkeit aufzugeben.
Auch in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik sieht Ischinger dringenden Handlungsbedarf. Die europäischen Streitkräfte seien zu stark fragmentiert und ineffizient organisiert. Während die USA über rund 30 große Waffensysteme verfügten, kämen die EU-Staaten auf etwa 180 unterschiedliche Systeme. „Das kann so nicht bleiben“, machte Ischinger deutlich. Eine stärkere Zusammenarbeit – wie bereits in Ansätzen zwischen einzelnen Staaten praktiziert – biete erhebliche Potenziale. Eine europäische Armee sei zwar langfristig denkbar, liege aber noch in weiter Ferne.
Versäumnisse auf diplomatischer Ebene
Mit Blick auf den aktuellen Irankrieg kritisierte Ischinger zudem Versäumnisse Europas auf diplomatischer Ebene. So habe es im Kontext internationaler Krisen an einer klaren europäischen Stimme gefehlt. Die Benennung eines hochrangigen Sondergesandten, wie beispielsweise den diesjährigen Karlspreisträger Mario Draghi, hätte die Rolle Europas stärken können.
Trotz der Vielzahl an Herausforderungen zeigte sich Ischinger nicht resignativ. Im Gegenteil: Im Gespräch verwies er auf ein Treffen mit Joachim Gauck am Vorabend, bei dem Einigkeit darüber geherrscht habe, dass den aktuellen Entwicklungen nicht mit Rückzug, sondern mit Zuversicht und Engagement begegnet werden müsse. Diesen Geist gelte es auch in die Mitte Europas zu tragen.
Sein Fazit fiel entsprechend klar aus: Europa habe die Fähigkeiten und Ressourcen, um sich in der neuen Weltordnung zu behaupten. Entscheidend sei jedoch der politische Wille, diese auch einzusetzen. „Für Neues muss man auch Altes aufgeben“, so Ischinger. Es brauche Mut zu weitreichenden Entscheidungen – doch genau daran mangele es derzeit: „Es fehlt an weitsichtigen und mutigen Entscheidungen.“
Mit dem Auftakt durch Wolfgang Ischinger setzt die Vortrags-Trilogie ein starkes Signal. In den kommenden Veranstaltungen am 8. und 11. Mai wird der Blick weiter vertieft – auf die historischen Grundlagen Europas ebenso wie auf die zentralen Beziehungen im Inneren des Kontinents.
